Wanderboje am Mauerstreifen

Die Funktionselemente der Wanderboje

So schwierig im Einzelnen die Verbindung zwischen kollektiver Geschichte und individueller Erfahrung aufzuspüren ist, so klar wird ein Kampf um die kollektive Geschichtsdeutung, also um den Rahmen persönlicher Erinnerung geführt. Das ist oftmals ein manipulativer Kampf von oben. Hier arbeiten die Regierungen mit ihren ideologischen Apparaten an der Weise, wie sie in den Geschichtsbüchern dargestellt sein werden, und vor allem, wie Geschichte von den Gesellschaftsmitgliedern erfahren werden soll.
Die Wanderboje schafft mikropolitische Wendepunkte, jetzt noch mit sich ins Reine zu kommen, die alten Geschichten nicht ruhen zu lassen. Eine individuelle Benutzung der Wanderboje eröffnet die Chance, sich eigener Geschichte zu versichern oder sich in ihr und an ihr aufkratzen zu lassen, statt gegenwärtig und ausschließlich jetzig zu leben.


Christoph Tannert, Direktor Künstlerhaus Bethanien GmbH, Katalogbeitrag Skulptur-Biennale Münsterland 2005







...Eine Skulptur umrundet Berlin...
Die Wanderboje ist eine mobile Skulptur und ein Werkzeug zur Markierung von historisch bedeutungsvollen Orten, die im Verborgenen liegen. Sie wurde als partizipatives und interaktives Projekt von Urban Art (Peschken/Pisarsky) für die Skulpturbiennale Münsterland ’05 entwickelt und bewegt sich im Rahmen des Projekts “Wanderboje am Mauerstreifen” vom 13. August bis 9. November entlang des ehemaligen Mauerstreifens.

...sammelt Mauergeschichten...
Auf ihrem Weg sammelt die Wanderboje Geschichten, die im Zusammenhang mit der Mauer stehen
Dabei kann es sich um Erinnerungen aus der Zeit des Mauerbaus ebenso handeln, wie um Begebenheiten aus der Zeit, als die Berliner mit der Mauer leben mussten oder um Ereignisse im Zusammenhang mit dem Mauerfall und der Zeit danach. Die Wanderboje kann auch dafür benutzt werden, unterschiedliche Perspektiven in der Bewertung der Mauer, bzw. des Mauerfalls darzustellen. Sie könnte aber auch schlicht auf räumliche und städtebauliche Veränderungen verweisen, zu denen es im Laufe der Nachwendejahre an vielen Orten des ehemaligen Mauerstreifens gekommen ist.

...erzählt mit Blinken und Klopfen...
Auf der leuchtenden LED-Anzeigetafel mit elektronischer Laufschrift können bis zu 40.000 Zeichen einprogrammiert werden. Die Stromversorgung wird dabei durch ein Solarpanel sichergestellt.
Außerdem macht sie durch laute Klopfgeräusche und Lichtsignale vorbeigehende Passanten auf sich und ihre jeweilige Botschaft aufmerksam.

...rollt durch den Verkehr...
Die Wanderboje ist fest auf einem Anhänger verankert, der für den Straßenverkehr zugelassen ist und kann daher überall im öffentlichen Straßenverkehr auf jedem Parkplatz abgestellt werden. Je nach Geschichte kann sie punktgenau aufgestellt werden und an authentischer Stelle auf die erzählte Begebenheit verweisen.

...und betreibt Erinnerungsarbeit...
Die Wanderboje bietet eine Plattform für erinnerungsspezifische Kommunikation, die aber durch die Vielzahl der verschiedenen Erzählungen und den relativ häufigen Wechsel der Standorte viele Menschen einbinden kann und der Idee eines monumentalisierten Gedenkens zuwider läuft.
Durch ihre Form, ihre Licht- und Soundsignale lenkt sie Aufmerksamkeit auf sich, ihre Botschaft und ihren Standort. Sie agiert im Spannungsfeld eines möglicherweise (inzwischen) völlig unspektakulären Ortes und seiner historischen oder persönlichen Bedeutung.